Bunraku puppetry – Figurenbau

MYTHOS: George Benjamin: Into the Little Hill am 92Y New York

Talea Ensemble
James Baker, conductor

Alexander Polzin, artistic concept
Sommer Ulrickson, choreographer

Figurenbau – Bunraku puppetry

 

Mogli als Bühnenfigur

für Das Dschungelbuch von Philip Stemann nach Rudyard Kipling

Produktion Kreis Stormarn
unter der Schirmherrschaft von Karin Prien-
Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Schleswig-Holstein

 

Im Theater MITEINANDERs

stehen Beschäftigte der Oberlin Werkstätten für Menschen mit Handicap und auszubildende der Beruflichen Schulen Hermannswerder gemeinsam auf der Bühne und lassen Inklusion lebendig werden. Gefördert aus Mitteln der AKTION MENSCH.

DAS WEIHNACHTSWUNDER
Für die Bühne bearbeitet von Anna Marlen Krüger und Hans-Albrecht Weber

Theater MITEINANDERs

Judith Mähler – die Erschafferin von Tom Mustroph

Atelier Mähler

Judith Mähler – die Erschafferin

von Tom Mustroph

Judith Mähler baut Puppen. In einem Hinterhof im Prenzlauer Berg, unweit der Gethsemanekirche, einst ein Zentrum der Bürgerrechtler in der späten DDR, hat die gebürtige Berlinerin ihr Atelier eingerichtet. Der Hof ist grün, wild bewachsen mit allerlei Pflanzen. Man fühlt sich sofort weggetragen aus dem Getümmel der Stadt an einen Ort der Ruhe und Gelassenheit. Judith Mähler steht schon an der Tür.

Früher war hier das Lager von Castorf“, sagt sie, und lädt mit einer Handbewegung in ihr Atelier ein. Sie meint nicht Frank, den Regisseur, sondern Werner Castorf, dessen Vater. Der hatte seinen Eisenwarenladen in der Nähe. Und dessen Lager war einst hier.

Seit acht Jahren arbeitet Mähler an diesem Ort. Gips, Schaumstoff und Hatovit – ein Latexmaterial, das sich gut zum Modellieren eignet – sind an die Stelle von Nägeln, Schrauben und Beschlägen getreten. Ins Auge fällt sofort die Galerie aus Köpfen.  Es sind Abgüsse von Puppen, die Mähler einst herstellte. „Es ist wie eine kleine Ausstellung. Und für die Auftraggeber ist es hilfreich. Denn sie sehen nicht nur, was ich zuvor gemacht habe. Sie können eigene Vorstellungen auch konkretisieren“, erzählt Mähler. Und manchmal gibt sie die Abgüsse auch heraus, so dass Puppenspieler*innen testen können, ob diese Größe einer Puppe genau die richtige ist oder die Figur besser größer oder kleiner sein sollte.

Puppenbauerin ist Judith Mähler seit 2003. Der Zufall spielte eine Rolle. „Puppenbau ist ja kein Lehrberuf und auch kein Studienfach. Ich bin vom Bühnen- und Kostümbild dazu gekommen“, sagt sie. 2003, am Ende ihres Studiums in der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, war sie als Kostümbildnerin für Hans-Jochen Menzels Produktion „Nussknacker und Mäusekönig“ am Nationaltheater Weimar engagiert. Sie fertigte auch Kostümbildskizzen für die Puppen an. „Christian Werdin, der damals die Puppen baute, nahm sich meine Zeichnungen und ließ sich davon inspirieren. Zwei Wochen später kam er mit der Figur des Nussknackers. Und plötzlich stand da meine Zeichnung im Raum“, beschreibt sie ihr Initiationserlebnis. Was zweidimensional war, wurde plötzlich dreidimensional. Und dann bewegte es sich auch noch. „Dann kam der Spieler und nahm sich die Figur. Und auf einmal wurde es lebendig. Dieser Vorgang hat mich unglaublich fasziniert“, erzählt sie.

Geradezu logisch, dass Judith Mähler dann nicht beim Zeichnen der Vorlagen blieb, sondern selbst mit dem Puppenbau begann. Handpuppen stellt sie her und kleinere Gliederpuppen, die von außen animiert werden. Lebensgroße und überlebensgroße Puppen fertigt sie, als Maskottchenpuppen für Werbekunden, aber auch eine große Geisterfigur für Philipp Löhles Inszenierung „Eine Weihnachtsgeschichte“ am Landestheater Coburg. Für die Open Air-Produktion „La Luna – Eine Reise zum Mond“ vom Theater des Lachens, dem Weiten Theater Berlin und dem Teatr Animaccii Poznan stellte sie gleich ein ganzes Universum an Fabelwesen her.

Seit vier Jahren baut sie auch Porträtpuppen, Puppen also, die die Gesichtszüge von Spieler*innen oder anderen menschlichen Vorbildern tragen. „Ich nehme dabei Porträtfotos als Vorlage. Am besten ist, wenn die Leute zu mir ins Atelier kommen und ich sie fotografieren kann. Ich nehme sie dann frontal auf, im Profil und Halbprofil. Die Köpfe modelliere ich nach dieser Vorlage in Hatovit. Dann kommen Haare und Augen hinzu. Die Körper schnitze ich aus Schaumstoff“, beschreibt sie den Prozess. Den Schaumstoff bearbeitet sie im Grunde wie Holz, mit Messern, erst großen, dann immer kleineren, und am Ende wird geschliffen. Ihre letzte Porträtpuppe stellte sie für Bodecker & Neander her. 3D-Druck hat sie auch schon ausprobiert. Allerdings nicht für den originalgetreuen Nachbau eines menschlichen Kopfes. „Ein 1:1-Abdruck ist eigentlich uninteressant. Spannender wird eine Figur, wenn man einzelne Merkmale überzieht“, hat sie beobachtet. Den 3D-Druck brauchte sie aber ausgerechnet für den Bau einer Papstfigur. Sie modellierte zunächst die Figur auf klassische Weise – und fertigte dann per 3D-Drucker eine verkleinerte Version des Modells an. Fürs Skalieren ist diese Technologie also auch im künstlerischen Puppenbau durchaus sinnvoll.

Ansonsten ist Mähler froh, dass die Technologie ihren Beruf nicht obsolet macht. Der künstlerische Zugang zum Material ist weiter wichtig. Und auch die beständige Kommunikation mit Spieler*innen und Regisseur*innen. Da wird auch mitten im Probenprozess noch abgestimmt und herumgebastelt. „Die Puppe muss dem Spieler ja auf die Hand gegossen sein. Und manchmal sieht man auch erst mit dem richtig eingestellten Theaterlicht, wie manche Farbe wirkt“, sagt sie. Da wird dann natürlich nachgebessert.

Feste Preise hat Mähler nicht. Sie richtet sich nach dem Aufwand für jede einzelne Figur, und der Aufwand ist dann auch dem Budget angepasst. „Mindestens 30 Stunden Arbeit stecken aber in jeder Figur drin. Darunter geht es nicht“, meint sie.

Wieviele Puppen sie in ihrer mittlerweile 15jährigen Karriere hergestellt hat, weiß Judith Mähler nicht. Im Keller unter dem Atelier lagern jedenfalls sehr viele Abgüsse. Auch Einzelteile – Köpfe, Hände, Beine – befinden sich dort; eine Art Cyborg-Ersatzteillager zur weiteren Verwendung.

Von einzelnen Figuren kann sie sich mitunter schwer trennen. „Manche wachsen richtig ans Herz“, sagt sie. Das Hergeben klappt aber dennoch. Zum einen gehört es zum Beruf  dazu, die Objekte dann auch an die Auftraggeber herauszugeben. Zum anderen fangen sie ja erst dann zu leben, wenn ein Spieler, ein guter Spieler freilich, sie zur Hand nimmt und sie dann wie beseelt, wie belebt sind. Dieser Moment, sei es in Proben, sei es in Vorstellungen, fasziniert die Puppenbauerin noch immer.

Von ihrer Arbeit kann sie leben. Freilich muss sie Aufträge fürs Theater auch mit den – besser bezahlten – Aufträgen für Werbekunden mischen. Die Abwechslung allerdings gefällt ihr auch. Und sie hat beobachtet, dass in letzter Zeit immer mehr Stadt- und Staatstheater Puppen in Auftrag geben. Das können dann sogar Großaufträge sein, wie etwa bei der Oper Genf. Die ließ für eine „Iphigenie“-Produktion jedes einzelne Mitglied des Chores mit einer Puppe ausstatten. Mähler hat allerdings auch beobachtet, dass die Puppen an den großen Häusern nicht immer von gelernten Puppenspielern animiert werden. Es wäre glatt eine Entwicklung, wenn im Budget nicht nur die Puppen, sondern auch die Puppenspieler*innen Platz fänden.

 

Kontakt: www.judith-maehler.de